Sie war leicht. Erbärmlich leicht. Ein Stift Lippenbalsam, der vor drei Jahren abgelaufen war, und ein medizinisches Lehrbuch, dessen Rücken an drei Stellen gebrochen war.
„Hier unterschreiben", sagte Grant gelangweilt.
Camille unterschrieb. Ihre Handschrift hatte sich verändert. Früher war sie schnörkelhaft und mädchenhaft gewesen. Jetzt bestand sie aus scharfen, zackigen Linien, die aussahen, als könnten sie Haut zerschneiden.
Sie ging auf die schwere Stahltür zu. Der Summer ertönte, ein langes, wütendes Dröhnen, das in ihren Zähnen vibrierte. Die Tür glitt auf.
Camille trat hinaus.
Die Sonne traf sie wie ein körperlicher Schlag. Sie zuckte zusammen und hob den Arm, um ihre Augen abzuschirmen. Die Luft roch nicht mehr nach Bleichmittel und altem Kohl. Sie roch nach Staub, Abgasen und etwas erschreckend Offenem.
Sie ließ den Arm sinken. Sie erwartete Kameras. Sie erwartete das Blitzlichtgewitter, das sie vor fünf Jahren geblendet hatte, als sie in Handschellen abgeführt wurde.
Da war nichts.
Nur eine leere Straße und eine einzelne schwarze Stretchlimousine, die mit laufendem Motor am Straßenrand stand.
Die Scheiben waren so dunkel getönt, dass sie wie Ölfilme aussahen. Der Wagen stand da, unheilvoll und still. Er sah aus wie ein Leichenwagen.
Camille richtete den Kragen ihres Trenchcoats. Es war derselbe, den sie an dem Tag getragen hatte, als sie verhaftet wurde. Der Saum war ausgefranst und der Stoff spannte über ihren Schultern. Damals war sie ein zartes Geschöpf gewesen. Das Gefängnis hatte das Fett von ihrem Körper gezehrt und an seiner Stelle Muskeln aufgebaut.
Sie ging zum Wagen.
Der Fahrer stieg aus. Er trug weiße Handschuhe. Er sah ihr nicht ins Gesicht. Er öffnete die hintere Tür und starrte zum Horizont, als würde ihr Anblick ihn besudeln.
Camille duckte sich hinein.
Die Klimaanlage schlug ihr sofort entgegen und ließ den Schweiß auf ihrem Nacken gefrieren. Die Tür fiel dumpf ins Schloss und schloss sie in einem nach Leder duftenden Vakuum ein.
Ihr gegenüber saßen ihre Mutter, Victoria, und ihre Schwester, Mia.
Victoria hielt eine Kristallflöte mit Champagner in der Hand. Sie bot Camille keinen an. Sie betrachtete Camilles abgetragenen Mantel mit einem verächtlichen Zucken ihres Mundwinkels, das andeutete, sie würde etwas Verrottendes riechen.
Mia drückte sich in die Ecke des Ledersitzes. Sie sah verängstigt aus.
„Zieh die Vorhänge zu", sagte Victoria. Es war das Erste, was sie seit fünf Jahren zu ihrer Tochter gesagt hatte. „Ich werde nicht zulassen, dass die Paparazzi ein Foto von deinem Gesicht bekommen."
Camille streckte die Hand aus und zog den Samtvorhang zu. Ihre Bewegungen waren fließend, kontrolliert. Sie lehnte sich zurück, ohne mit dem Rücken die Lehne zu berühren.
„Du siehst aus wie ein Geist", sagte Mia. Ihre Stimme war hoch und brüchig. „Das Essen da drin muss Müll gewesen sein. Du bist ja nur noch Haut und Knochen."
Camille sah ihre Schwester an. Sie blinzelte nicht. Sie beobachtete nur, wie Mias Puls an ihrem Hals flatterte.
Mia schauderte und blickte weg.
Victoria öffnete ihre Handtasche aus Krokodilleder. Sie zog ein dickes Dokument hervor und warf es auf den kleinen Walnussholztisch zwischen ihnen.
Es landete mit einem schweren Klatschen.
„Unterschreib das", sagte Victoria. „Die Familie hat eine Apanage arrangiert. Du nimmst das Geld, gehst nach Europa und kommst nie wieder nach New York zurück. Für diese Stadt bist du gestorben."
Camille blickte nach unten. Vereinbarung über die Veräußerung des Treuhandvermögens. Verschwiegenheitserklärung.
„Und wenn nicht?", fragte Camille. Ihre Stimme war rau vom Nichtgebrauch.
„Gavin und ich verloben uns nächsten Monat", platzte Mia heraus, ein grausames Lächeln auf den Lippen. „Er braucht seine kriminelle Ex-Verlobte nicht in der Nähe." Sie griff in ihre eigene Handtasche, zog eine schwarze Kreditkarte hervor und schnippte sie auf den Tisch. Sie schlitterte über das polierte Holz und kam neben den Dokumenten zum Liegen. „Hier. Für ein Busticket aus der Stadt. Sag nicht, wir hätten dir nie etwas gegeben."
Camilles Finger zuckte. Nur einmal.
„Du hast kein Druckmittel", fuhr Victoria sie an und nahm einen Schluck von ihrem Champagner. „Du bist ein Schandfleck für diese Familie. Unterschreib, oder du verhungerst."
Camille beugte sich vor. Die Luft im Wagen veränderte sich. Sie wurde schwer, erstickend. Eine leise Welle der Übelkeit überkam sie, eine vertraute Begleiterin der letzten Wochen. Sie drückte sie nieder und verwandelte die Schwäche in Eis.
„Ihr habt mich dorthin geschickt", sagte Camille leise. „Du und Gavin. Wir haben noch eine Rechnung offen."
Victorias Gesicht lief rot an. Sie öffnete den Mund, um zu schreien.
Der Wagen wurde seitlich gerammt.
Metall kreischte auf Metall. Der Aufprall schleuderte Camille gegen die Seitenverkleidung. Victorias Champagnerglas zersprang und verteilte Flüssigkeit und Scherben überall.
„Madam!", knisterte die panische Stimme des Fahrers über die Sprechanlage. „Wir werden gerammt! Drei SUVs! Ohne Kennzeichen!"