Er sah auf den Herzmonitor, der einen gleichmäßigen, monotonen Rhythmus piepte.
Das Geräusch war der einzige Beweis dafür, dass sie noch am Leben war.
„Es ist Zeit", sagte Elmore in den Raum hinein.
Er zog einen Stift aus seiner Brusttasche.
Das Klicken des Stiftes hallte in dem stillen Raum wider.
Er unterschrieb das Papier auf dem Klemmbrett.
Nicht wiederbeleben.
Celeste wollte schreien.
Sie wollte um sich schlagen, flehen, fragen, warum.
Aber ihre Kehle war eine trockene Höhle, ihre Stimmbänder unbrauchbar.
Ophelia, ihre Stiefmutter, trat hinter Elmore hervor.
Sie trug Celestes Lieblingsperlenkette.
Ophelia beugte sich über das Bett, ihr Parfüm aufdringlich und süß, den Geruch von Antiseptikum überdeckend.
„Armes kleines reiches Mädchen", flüsterte Ophelia.
Sie strich das Haar von Celestes feuchtkalter Stirn zurück.
„Du dachtest wirklich, es war der Autounfall, nicht wahr?"
Celestes Augen weiteten sich, der einzige Teil von ihr, der sich noch bewegen konnte.
„Es war der Tee, Liebling", murmelte Ophelia, während ihre Lippen Celestes Ohr streiften. „Genau wie bei deiner Mutter. Ein langsames, geschmackloses Gift. Es ahmt Herzversagen wunderbar nach."
Celestes Herz hämmerte gegen ihre Rippen.
Der Monitor begann, schneller zu piepen.
Hochfrequent.
Hektisch.
Ophelia kicherte, ein leises, grausames Geräusch. „Und du warst so blind. So besorgt um deine Hochzeit mit Bryce. Dachtest du wirklich, er würde treu bleiben? Danielas Junge ist schon sieben Jahre alt. Und dieses Offshore-Konto, das Bryce mit der Hilfe deines Vaters eingerichtet hat ... dein Erbe hat für ihr kleines Liebesnest auf den Caymans bezahlt. Du hast für alles bezahlt, du dummes, dummes Mädchen."
Die Worte waren wie Säure, die ihre letzten Illusionen auflöste. Ein Sohn. Ein zweijähriger Sohn. Die Geldwäsche. Alles brach auf einmal über sie herein.
„Hör auf mit dem Lärm", schnauzte Elmore.
Er streckte die Hand aus und riss das Kabel aus der Wand.
Das Piepen verstummte.
Stille strömte herein, schwer und erstickend.
Celestes Sicht begann an den Rändern zu verschwimmen.
Schwarze Flecken tanzten vor ihren Augen.
Ihre Lungen brannten nach Luft, die nicht kam.
Panik, kalt und scharf, schnitt durch ihr schwindendes Bewusstsein.
Sie haben ihre Mutter getötet.
Sie töteten sie.
Die Dunkelheit verschlang sie vollständig.
Und dann keuchte sie.
Luft schoss in ihre Lungen, heftig und plötzlich.
Celeste fuhr im Bett hoch, ihre Brust hob und senkte sich schwer.
Sie krallte sich an ihre Kehle, erwartete, den Phantomschlauch zu spüren, die Trockenheit des Todes.
Ihre Haut war warm.
Ihre Kehle war glatt.
Sie war nicht in dem sterilen weißen Zimmer.
Sie war von Seidenlaken umgeben.
Über ihr hing ein Kristallleuchter, der das Morgenlicht in tausend Prismen brach.
Das war ein Hotelzimmer.
Ein sehr teures Hotelzimmer.
Ihr Herz schlug so heftig, dass sie es in ihren Ohren hören konnte.
Sie sah auf ihre Hände.
Sie waren nicht abgemagert und dünn.
Sie waren manikürt, die Haut prall vor Leben.
Ein Telefon summte auf dem Nachttisch.
Sie griff danach, ihre Finger zitterten so sehr, dass sie es beinahe fallen ließ.
Der Bildschirm leuchtete auf.
12. September.
Vor fünf Jahren.
Der Tag ihrer Hochzeit.
Celeste starrte auf das Datum, ihr Atem stockte.
Sie war nicht tot.
Sie war zurück.
Ein leises Stöhnen kam von der anderen Seite des riesigen Bettes.
Celeste erstarrte.
Ihr Blut gefror in den Adern.
Sie drehte langsam den Kopf, die Wirbel in ihrem Nacken knackten.
Ein Mann lag neben ihr.
Er lag bäuchlings da, das Laken um seine Taille gerafft.
Sein Rücken war eine Landschaft aus Muskeln und Tinte, eine große Tätowierung eines Wolfs spannte sich über sein Schulterblatt.
Er bewegte sich und rollte sich auf den Rücken.
Basile Delgado.
Der Feind der Familie Franco.
Der Mann, der die Firma ihres Vaters in drei Jahren zerstören würde.
Der Mann, den alle den Wolf of Wall Street nannten.
Erinnerungen aus ihrem früheren Leben – ihrem ersten Leben – stürzten auf sie ein.
Die Nacht vor ihrer Hochzeit.
Sie war auf ihrem Junggesellinnenabschied unter Drogen gesetzt worden.
Sie war hier aufgewacht.
Sie hatte geschrien.
Sie war, in ein Laken gehüllt, auf den Flur gerannt, direkt in eine Wand aus Paparazzi.
Der Skandal hatte sie ihres Erbes beraubt.
Es war der erste Dominostein in der Reihe, die zu ihrem Tod in jenem Sanatorium führte.
Basile öffnete seine Augen.
Sie waren sturmwolkengrau, scharf und sofort wach.
In seinem Blick lag keine Schläfrigkeit, nur eine kalte, raubtierhafte Einschätzung.
Er sah sie an, als wäre sie eine Eindringlingin.
„Raus hier", sagte er.
Seine Stimme war ein tiefes Grollen, rau vom Schlaf.
„Raus hier, Miss Franco."
Celeste biss sich auf die Lippe.
Sie biss fest zu, bis sie den metallischen Geschmack von Blut schmeckte.
Der Schmerz erdete sie.
Er war real.
Diesmal würde sie nicht weglaufen.
Sie dachte daran, wie Elmore den Stecker zog.
Sie dachte an Ophelias Flüstern.
Angst war ein Luxus, den sie sich nicht länger leisten konnte.
Sie zog das Seidenlaken bis zu ihrem Schlüsselbein hoch und bedeckte ihre Nacktheit.
Sie erwiderte Basiles Blick.
Sie zuckte nicht zurück.
„Nein", sagte Celeste.
Ihre Stimme war rau, aber sie zitterte nicht.
„Ich gehe nicht, Basile."