Ein einzelner Stiletto mit roter Sohle lag auf der Seite im marmornen Eingangsbereich.
Francesca hielt inne.
Sie starrte auf den Schuh.
Sie kannte diesen Schuh.
Sie hatte Lila letzte Woche bei Saks dabei zugesehen, wie sie ihn anprobierte. Sie hatte Lila gesagt, dass ihre Beine darin meilenlang aussahen.
Ein Lachen drang aus dem Schlafzimmer.
Es war ein hohes, perlendes Geräusch. Ein Geräusch, das Francesca seit zehn Jahren bei Mimosas zum Brunch gehört hatte.
Dann kam ein tieferes Geräusch. Ein schweres, rhythmisches Stöhnen.
Julian.
Francesca rührte sich nicht. Ihre Füße fühlten sich an, als wären sie an die Dielen genagelt.
Die Sushi-Tüte knisterte.
Das Geräusch war winzig, aber in der Stille ihres eigenen, zerbrechenden Lebens klang es wie ein Pistolenschuss.
Sie machte einen Schritt nach vorn. Sie musste es sehen.
Die Schlafzimmertür war einen Spaltbreit geöffnet.
Durch den Spalt sah sie Haut. Gebräunte Haut auf weißen Laken.
Julians Rücken war durchgebogen.
Lila lag unter ihm. Ihr Kopf war zurückgeworfen.
Lilas Augen öffneten sich.
Sie lächelte.
Es war ein kleines, grausames Kräuseln ihrer Lippen.
Dann schlang sie ihre Beine fester um Julians Taille und stieß ein lautes, theatralisches Stöhnen aus.
Francesca spürte, wie die Galle in ihrer Kehle hochstieg. Sie schmeckte nach Säure und Verrat.
Sie schrie nicht. Sie konnte nicht.
Ihre Hand zitterte, als sie in ihre Handtasche griff.
Sie zog ihr Handy heraus.
Sie hob es an.
Die Kamera stellte scharf.
Zehn Sekunden.
Sie nahm Julians durchgebogenen Rücken auf. Den Triumph in Lilas Augen. Die Art, wie das Kopfteil des Bettes gegen die Wand schlug.
Julian begann, seinen Kopf zu drehen.
Francesca wirbelte herum.
Sie rannte.
Sie spürte nicht, wie ihre Füße auf den Teppich trafen. Sie hörte nur das Blut in ihren Ohren rauschen, das das Klingeln des Aufzugs übertönte.
Sie hämmerte auf den Knopf für die Lobby.
Dann änderte sie ihre Meinung.
Sie drückte den Knopf für das Dach.
Sie brauchte Luft. Sie brauchte Wodka.
Dreißig Minuten später brannte der Wodka ein Loch in ihren leeren Magen.
Ihr Handy summte auf dem Bartresen.
Julian: Wo bist du, Babe? Habe dich beim Abendessen vermisst.
Francesca starrte auf den Bildschirm, bis die Buchstaben verschwammen.
Sie schnappte sich ihre Handtasche. Sie konnte nicht nach Hause gehen. Ihre Stiefmutter wäre dort und würde nach den Hochzeitsvorbereitungen fragen.
Sie wühlte in ihrer Tasche und ihre Finger streiften eine harte Plastikkarte.
Die Faulkner Platinum-Zugangskarte. Ein Relikt aus dem letzten Joint Venture ihres Vaters mit deren Hotelgruppe. Sie verschaffte ihr Zugang zu jeder unbesetzten Suite.
Sie hatte sie für Notfälle aufbewahrt.
Sie öffnete die medizinische Suite auf der Penthouse-Etage.
Die Suite, die für Grafton Faulkner reserviert war.
Julians verkrüppelter, verstoßener Bruder.
Er sollte erst morgen ankommen.
Das Zimmer wäre leer. Dunkel. Still.
Francesca stolperte in den Aufzug.
Sie zog die Karte durch.
Die Penthouse-Tür öffnete sich in die Dunkelheit.
Die Luft drinnen roch nach Zeder und Antiseptikum.
Sie streifte ihre High Heels ab.
Sie ging ins Wohnzimmer, wo der weiche Teppich ihre Schritte verschluckte.
„Faulkner-Männer", flüsterte sie in die Dunkelheit. „Ihr verdient es alle, zu verrotten."
Klick.
Eine Flamme loderte auf.
Sie war klein, orange und furchteinflößend.
Sie erleuchtete ein Gesicht.
Markante Wangenknochen. Dichte Augenbrauen. Augen, die wie schwarzes Glas aussahen.
Francesca schnappte nach Luft. Sie machte einen Schritt zurück und stolperte über ihre eigenen Füße.
Sie schlug hart auf dem Boden auf.
Der Mann saß in einem Rollstuhl am Fenster.
Grafton Faulkner.
Er sah ihr beim Fallen zu. Er rührte sich nicht, um zu helfen.
„Ich ... ich dachte, es wäre leer", stammelte sie. Sie versuchte, sich aufzurichten. Ihre Arme fühlten sich an wie Gummi.
„Raus hier", sagte er. Seine Stimme war wie Schotter und Rauch.
„Ich gehe ja schon", sagte sie. Sie versuchte aufzustehen. Sie scheiterte.
Sie schloss die Augen und wartete auf die Beleidigung. Wartete darauf, dass er die Security rufen würde.
Sie hörte Schritte.
Schwer. Rhythmisch. Selbstbewusst.
Nicht das Surren von Rädern.
Schritte.
Francesca öffnete die Augen.
Der Rollstuhl war leer.
Grafton Faulkner stand über ihr.
Er war groß. Über eins achtzig.
Er stützte sich auf nichts. Seine Beine waren stark, sein Stand war fest.
Er sah aus wie ein Raubtier, das eine Falle inspiziert.
Francescas Gehirn setzte aus. „Du ... du kannst gehen."
Grafton ging in die Hocke.
Er sah nicht wie ein Krüppel aus. Er sah aus wie eine Waffe.
Er streckte die Hand aus. Seine Finger waren lang und kalt.
Er packte ihr Kinn. Er zwang sie, ihn anzusehen.
„Du hast etwas gesehen, das du nicht hättest sehen sollen, Francesca."
Sein Daumen drückte gegen ihren Kieferknochen. Es tat weh.
„Nenn mir einen Grund", flüsterte er, „warum ich dich nicht sofort von diesem Balkon werfen sollte."
Francesca sah ihn an.
Sie sah die Gefahr in seinen Augen.
Aber sie sah auch Macht.
Sie dachte an Julian. Sie dachte an Lilas Lächeln.
Eine verrückte, verzweifelte Idee kämpfte sich in ihrer Kehle nach oben.
Sie griff nach oben. Sie packte sein Handgelenk.
„Hilf mir, Julian zu zerstören", krächzte sie.
Grafton blinzelte.
Die Gewalt in seinen Augen wich und wurde durch etwas Kälteres ersetzt. Etwas wie Belustigung.
„Interessant", sagte er.
Er stand auf und zog sie mühelos mit sich hoch.
Er ließ ihren Arm nicht los.
„Zeig mir, was du wert bist", sagte er.
Er hob sie hoch.
Er trug sie in Richtung Schlafzimmer. Er hinkte nicht. Nicht einmal ein bisschen.