Es war kein Versehen. Dante Moretti, der Underboss des New Yorker Syndikats, machte keine Fehler. Dies war eine kalkulierte Demütigung, eine öffentliche Entwürdigung meines Status als seine Frau. Ich zog meinen Ärmel herunter, verbarg die gezackte Narbe an meinem Handgelenk – eine ständige Erinnerung an sein „Familienrecht" – und schlüpfte wie ein Geist in die Anonymität der Menge. Ich winkte ein gelbes Ford Model T Taxi heran. Der Fahrer, Tariq, wusste nicht, dass er eine Frau beförderte, deren bloße Existenz ausgelöscht wurde.
Der private Aufzug zum Moretti-Penthouse an der Fifth Avenue fühlte sich an wie ein vergoldeter Käfig, der in den Himmel aufstieg. Als sich die polierten Messingtüren öffneten, trat ich ins Foyer. Der schwarz-weiße Marmorboden war übersät mit buntem Seidenpapier und sich ringelnden Bändern, ein krasser Gegensatz zur sonst sterilen Perfektion meines Gefängnisses.
Hinter dem massiven schwarzen Lackschirm – eingelegt mit einem Perlmutt-Phönix, gefangen in einem Käfig – hörte ich sie.
„Schau, *Principessa* (Prinzessin)", Dantes tiefe, raue Stimme drang aus dem Wohnzimmer. „Glaubst du, es wird ihr gefallen?"
„Tante Adriana wird es lieben!", quietschte Elena, meine fünfjährige Tochter, vor Freude.
Ich lugte um den Rand des Schirms. Dante hielt ein riesiges Plüsch-Einhorn mit einem kitschigen rosa Band um den Hals. Mir stockte der Atem, die Luft in meinen Lungen wurde plötzlich zu Glas. Vor drei Monaten hatte ich versucht, genau dieses Spielzeug für Elena zu kaufen. Dante hatte es mir aus den Händen geschlagen und geknurrt, dass *Moretti-Blut solche Schwäche nicht braucht*.
Jetzt schenkte er es Adriana Rizzo – meiner Halbschwester, seiner Geliebten.
„Tante Adriana ist eine Million Mal besser als Mama", zwitscherte Elena, ihre unschuldige Stimme versetzte den tödlichsten Schlag.
Meine Lederhandtasche glitt aus meinen tauben Fingern, die Messingschnalle klirrte scharf gegen den Konsolentisch.
Dantes Kopf schnellte zum Foyer. Seine dunklen Augen, normalerweise Pools aus kalkuliertem Eis, flammten auf vor roher, unverhohlener Verärgerung. Meine frühe Rückkehr vom verfallenden Falcone-Anwesen war kein Wiedersehen; es war ein unerwünschtes Eindringen.
„Isabella", sagte er, sein Ton flach, bar jeder Wärme. „Du bist zu früh."
Ich trat ganz ins Licht, meine Augen auf das Plüsch-Einhorn gerichtet. „Es ist der 14. Oktober, Dante." Meine Stimme zitterte, ein pathetisches, verzweifeltes Flehen, dass er sich erinnern möge. Mein Geburtstag.
Er überprüfte seine goldene Taschenuhr, sein Kiefer spannte sich vor Ungeduld an. „Ich bin mir des Datums bewusst. Adrianas Party beginnt in einer Stunde, und wir sind bereits spät dran." Er sah mich nicht einmal an, als er Elenas kleinen glitzernden Party-Mantel nahm. „Komm, Elena."
„Aber Mama ist doch gerade erst nach Hause gekommen", sagte Elena, obwohl sie sich nicht auf mich zubewegte. Sie klammerte sich an Dantes Bein und sah mich an, als wäre ich eine Fremde, die ihre perfekte Familie störte.
„Deine Mutter ist müde", wies Dante kalt ab.
Er ging an mir vorbei, der Duft seines Bergamotte-Kölnischwassers und teuren Zigarrenrauchs verweilte in der Luft. Die schwere Bronzetür klickte zu und ließ mich völlig allein in der erstickenden Stille des Penthouses zurück.
Die pflichtbewusste, leidende Mafia-Ehefrau in mir zersplitterte auf dem kalten Marmorboden in tausend irreparable Stücke. An ihrer Stelle überzog eine seltsame, eiskalte Ruhe meine Adern. Das Mädchen, das als Pfand gehandelt worden war, war tot. *Spettro*, die Phantom-Kryptografin, die die dunkelsten Ecken der Unterwelt überlebt hatte, öffnete ihre Augen.