Ein normaler Mensch hätte vielleicht gespürt, wie ihm der Magen absackt. Er hätte vielleicht die Galle in der Kehle aufsteigen gespürt bei der Erkenntnis, dass sein ganzes Leben eine Lüge war. Aber Journey spürte, wie ihre Schultern um einige Zentimeter sanken, wie sich die Spannung, die zwei Jahrzehnte lang in ihren Trapezmuskeln gehaust hatte, endlich auflöste.
Es war vorbei. Die Vorstellung war endlich vorbei.
Ihr Handy summte an ihrem Oberschenkel. Sie ließ ihre Hand in die versteckte Tasche ihrer Hermès-Birkin-Bag gleiten und blickte hinunter.
Luna, die Liste der Grammy-Nominierungen ist bestätigt.
Sie wischte die Benachrichtigung weg, ihr Gesicht eine Maske geübter Gleichgültigkeit. Sie schob das Handy tiefer in die Tasche und begrub die Identität der schwer fassbarsten Produzentin der Musikindustrie unter einer Packung Taschentücher und einem Puderspiegel.
Der Wagen knirschte über den Kies der Auffahrt des Kensington-Anwesens. Das Geräusch war wie das Brechen von Knochen.
Higgins wartete an der Tür. Der ältere Butler stand mit verschränkten Händen da, seine Haltung steif. Als Journey aus dem Wagen stieg und die ausgestreckte Hand des Fahrers ignorierte, traf sie Higgins' Blick. Er war heute nicht leer. Er war feucht. Mitleidig.
„Miss Journey", sagte er, seine Stimme ein tiefes Grollen. „Mr. und Mrs. Kensington sind im Salon. Und … der Gast."
Der Gast. Alleen. Das Mädchen, das das Blut der Kensingtons teilte.
Journey nickte, die Bewegung störte kaum die Luft. Sie ging die Kalksteinstufen hinauf, ihre Absätze klickten in einem Rhythmus, der wie ein Countdown klang.
Drinnen war das Foyer kalt. Das war es immer. Eine billige Nylon-Reisetasche stand auf dem Marmorboden neben der Garderobe und sah aus wie ein blauer Fleck auf perfekter Haut.
Mrs. Gable, die leitende Haushälterin, eilte mit einem Silbertablett vorbei. Sie blickte nicht auf. Sie hielt ihre Augen auf die Bodenfliesen gerichtet, als ob Journey bereits aufgehört hätte zu existieren.
Journey hielt vor dem vergoldeten Spiegel inne, der den Flur dominierte. Sie strich eine verirrte Haarsträhne glatt und prüfte ihr Spiegelbild. Sie sah nicht aus wie ein Mädchen, dessen Leben gerade implodierte. Sie sah aus wie eine Kensington. Kühl. Distanziert. Teuer.
Sie atmete tief ein. Nicht, um sich zu fassen. Sondern um das Lachen zu unterdrücken, das in ihrer Brust aufstieg.
Sie stieß die schweren Mahagonitüren auf. Die Scharniere ächzten, ein Geräusch, das in der höhlenartigen Stille des Hauses widerhallte.
Die Luft im Salon war dick, erstickend. Sie roch nach Bienenwachs und altem Geld.
Victoria Kensington saß auf dem Samtsofa und drückte ein Spitzentaschentuch an ihren Augenwinkel. Sie sah tragisch aus, so wie Schauspielerinnen in Stummfilmen tragisch aussehen. Preston Kensington stand am Kamin, den Rücken gerade, und strahlte eine Missbilligung aus, die die Raumtemperatur um zehn Grad senkte.
Und dort, am Rande des anderen Sofas, saß Alleen.
Sie trug ein geblümtes Kleid, das zwei Nummern zu klein und eine Saison veraltet war. Ihre Haltung war gekrümmt, was sie kleiner und zerbrechlicher wirken ließ. Als Journey eintrat, zuckte Alleen zusammen. Es war eine heftige, ruckartige Bewegung, wie bei einem Hund, der einen Tritt erwartet.
Journey ging zum leeren Sessel. Sie setzte sich, schlug die Knöchel übereinander, wobei ihre Wirbelsäule die Rückenlehne nicht berührte.
„Journey", sagte Preston. Es war keine Begrüßung. Es war eine Vorladung.
„Vater", sagte sie aus Gewohnheit. Dann korrigierte sie sich. „Preston."
Victoria stieß ein leises, ersticktes Schluchzen aus. Sie streckte die Hand aus und tätschelte Alleens Knie. Die Geste war steif, unbeholfen.
Alleen blickte zu Journey auf. Ihre Augen waren rot umrandet, nass von Tränen. Aber unter dem Wasser sah Journey es. Einen Funken. Einen Blitz reinen, unverfälschten Hungers.
Preston räusperte sich. Er griff nach einer Manila-Mappe auf dem Couchtisch und schob sie über das polierte Holz. Sie kam wenige Zentimeter vor Journeys Hand zum Stehen.
„Die Papiere", sagte Preston.
Journey blickte auf die Mappe. Es war ihr Ausreisevisum. Es war der Schlüssel zum Käfig.