Avah Raymond geriet ins Gedränge. Ein verängstigter Gast prallte hart gegen ihre Schulter und schleuderte sie direkt neben einer hoch aufragenden Champagnerpyramide zu Boden.
Der Glasturm stürzte ein. Scherben zerbrochenen Kristalls regneten herab und zerschnitten augenblicklich den teuren Seidenstoff ihres Haute-Couture-Kleides.
Ein stechender, blendender Schmerz schoss von ihrem verdrehten Knöchel auf. Avah biss die Zähne zusammen, ein ersticktes Keuchen entwich ihren Lippen, während sie nach dem Rand der Marmorbar griff und verzweifelt versuchte, sich hochzuziehen.
Flammen hatten bereits die schweren Samtvorhänge erfasst. Das Feuer kroch mit erschreckender Geschwindigkeit nach oben und bildete eine Hitzewand, die ihren Weg nach links vollständig blockierte.
Der giftige Rauch füllte ihre Lungen. Avah hustete heftig, ihre Brust brannte, als hätte sie Glas geschluckt. Ihre Sicht begann aufgrund des starken Sauerstoffmangels zu verschwimmen.
Durch den dichten, grauen Dunst fixierten ihre brennenden Augen einen vertrauten, breiten Rücken. Kain Hopkins. Ihr Verlobter.
„Kain!" Avah streckte eine zitternde Hand nach ihm aus. Ihre Stimme war schwach, kaum ein Krächzen über dem Brüllen des Feuers, als sie ihn anflehte, sie mitzunehmen.
Kains Schritte stockten. Er hielt inne und drehte den Kopf, blickte direkt durch den Rauch zu Avahs Standort.
Ein winziges Fünkchen Hoffnung flammte in Avahs Brust auf. Ihre kalten Finger zuckten, während sie darauf wartete, dass er herbeieilte.
Stattdessen wandte Kain seinen Blick fest ab. Ohne eine Sekunde zu zögern, kehrte er ihr den Rücken zu und sprintete zur VIP-Lounge auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes.
Avahs Augen weiteten sich vor reinem Schock. Ihr Atem stockte. Sie starrte auf seinen sich entfernenden Rücken, ihr Gehirn weigerte sich, die Realität seiner Entscheidung zu verarbeiten.
Die schwere Mahagonitür der Lounge wurde aufgetreten. Jaclyn Raymond, Avahs Stiefschwester, rannte schreiend heraus und warf sich direkt in Kains Arme.
Kain zog schnell sein teures Sakko aus und wickelte es fest um Jaclyns zitternde Schultern.
Er warf seiner Verlobten nicht einmal einen einzigen Blick zurück zu. Er schirmte Jaclyn einfach mit seinem Körper ab und eilte mit ihr zur Sicherheit des Notausgangstreppenhauses.
Es fühlte sich an, als hätte ein Vorschlaghammer direkt in Avahs Brustbein eingeschlagen. Der Aufprall zerschmetterte ihre Rippen und zerquetschte ihr Herz. Für eine Sekunde vergaß sie völlig die sengende Hitze der Flammen, die sie umgaben.
Eine brennende Gipskartonplatte von der Decke krachte wenige Zentimeter von ihren Füßen entfernt zu Boden, schickte einen Funkenregen empor und versperrte ihr vollständig die Sicht zur Tür.
Der Rauch war jetzt erstickend und entzog der Luft die letzten Sauerstoffreste. Avahs Arme versagten. Sie brach auf den glühend heißen Dielen zusammen, ihre Muskeln waren völlig nutzlos.
Als sie auf die Feuerwand starrte, wo Kain und Jaclyn verschwunden waren, zog sich ein kaltes, selbstironisches Lächeln um ihre Mundwinkel.
Jahre des Stolzschluckens. Jahre, in denen sie ihr eigenes Glück für die Geschäftsinteressen ihrer Familie geopfert hatte. All das wurde in diesem einzigen, entscheidenden Moment zu Asche.
Ihre Finger wanderten zu ihrem Hals. Sie packte die schwere Diamantkette – das Symbol dieser heuchlerischen Firmenheirat – und riss kräftig daran. Der Verschluss schnappte.
Avah schleuderte die Halskette gewaltsam in die nächste Flammenstelle. Es war eine physische Befreiung, ein endgültiges Zerreißen der Ketten, die sie gefesselt hatten.
Die extreme Hitze drückte auf sie herab. Ihre Sicht verengte sich zu Dunkelheit. Ihr Atem wurde unglaublich flach, ihre Brust hob sich kaum.
Plötzlich wurden die schweren Flügeltüren des Ballsaals gewaltsam mit einer massiven Feuerwehraxt aufgebrochen.
Ein großer, kräftig gebauter Rettungshelfer stürmte in das Inferno. Sein Kopf drehte sich, und er fixierte Avahs regungslosen Körper mit erschreckender Präzision.
Er sprang über einen brennenden Tisch. Starke, unnachgiebige Arme hoben Avah vom Boden auf und hoben ihren bewusstlosen Körper an eine feste Brust.
Eine kalte Sauerstoffmaske wurde fest über Nase und Mund geklemmt, drang lebensrettende Luft in ihre Lungen und riss sie gewaltsam vom Rande des Todes zurück.
Das durchdringende Heulen von Krankenwagensirenen hallte durch den dunklen Himmel Manhattans. Die Trage ratterte wild, als Avah durch die Flügeltüren der Notaufnahme geschoben wurde.