Sie sollte nicht hier sein. Es war Dienstag. Der Dienstag war normalerweise für ihre ehrenamtliche Arbeit in der Bibliothek oder das Ordnen der Archive im Keller reserviert – die Beschäftigung, die Ethan ihr zugestand, damit sie ihn nicht „blamierte“, indem sie sich um einen richtigen Job bemühte. Der Dienstag war dafür da, Mrs. Ethan Vance zu sein, die dekorative, stille Ehefrau, die aus dem Nichts gekommen war und von nichts eine Ahnung hatte.
Aber sie hatte ihr Ladekabel vergessen. Ein trivialer, törichter Grund, eine Ehe zu beenden.
Ihre Hand umklammerte das Metall fester. Sie wollte gerade die Klinke herunterdrücken, als sie es hörte.
Ein Lachen.
Es war nicht Ethans Lachen. Seines war ein geübtes, scharfes Bellen, das er in Vorstandssitzungen einsetzte, um Dominanz zu signalisieren. Dieses Geräusch war tief, kehlig und weiblich. Es vibrierte durch das schwere Holz und bohrte sich direkt in Seraphinas Magen, wo es den Kaffee ihres Frühstücks in Säure verwandelte.
Sie kannte dieses Lachen. Susanna Thorne. Ihre „beste Freundin“. Die Frau, die ihr vor drei Jahren geholfen hatte, ihr Hochzeitskleid auszusuchen. Die Frau, die derzeit Chief Marketing Officer dieses Unternehmens war.
Seraphina klopfte nicht. Sie kündigte sich nicht an. Die Zeit für Höflichkeit war in dem Moment verflogen, als dieses Lachen ihre Ohren erreicht hatte.
Sie drückte die Klinke herunter. Der Mechanismus klickte – ein scharfes, mechanisches Urteil –, und die Tür schwang auf.
Die Szene dahinter war nicht nur ein Verrat; sie war ein Klischee. Eine billige, geschmacklose Szene aus einem Film, den sie wegen seiner Vorhersehbarkeit abgeschaltet hätte.
Ethan lag auf dem Ledersofa, die Krawatte gelockert, sein weißes Hemd am Kragen aufgeknöpft. Susanna saß rittlings auf ihm, ihr Rock hoch auf die Oberschenkel geschoben, den Kopf in den Nacken geworfen. Sie waren ein Gewirr aus Gliedmaßen und Ehrgeiz.
Das Aufschlagen der Tür gegen den Stopper klang wie ein Schuss.
Susanna kletterte von ihm herunter, nicht mit Scham, sondern mit Verärgerung. Sie strich ihren Rock glatt, ihre Finger fuhren mit einer Lässigkeit über den Stoff, die Seraphinas Sicht verschwimmen ließ. Ethan setzte sich auf. Er sah nicht schuldig aus. Nicht entsetzt.
Sondern irritiert, als wäre sie eine Kellnerin, die ihm die falsche Bestellung gebracht hatte.
„Seraphina“, sagte Ethan. Er richtete seine Krawatte, seine Bewegungen waren fahrig, aber präzise. „Klopft man nicht mehr an?“
Die Dreistigkeit raubte ihr den Atem. Er suchte nicht nach einer Ausrede. Er tadelte sie für ihre Manieren.
Seraphina stand im Türrahmen. Sie spürte ein seltsames Gefühl in ihrer Brust, als hätte ihr Herz aufgehört zu schlagen und vibrierte nur noch gegen ihre Rippen. Sie sah Susanna an. Susannas Lippenstift war verschmiert. Ein helles, brutales Rot – genau der Farbton, der für eine Ehefrau wie Seraphina angeblich „zu gewagt“ war.
„Wir müssen reden“, sagte Seraphina. Ihre eigene Stimme überraschte sie. Sie zitterte nicht. Sie war flach. Tot.
Susanna grinste. Es war eine Mikroexpression, kaum wahrnehmbar und im nächsten Moment wieder verschwunden, aber Seraphina hatte sie gesehen. Es war der Blick von jemandem, der ein Spiel gewonnen hatte, von dessen Beginn der andere Spieler nicht einmal wusste.
„Schätzchen“, sagte Susanna, ihre Stimme triefend vor falscher Besorgnis. „Das sieht schlecht aus, ich weiß. Aber Ethan und ich haben gerade nur … eine Strategie besprochen.“
„‚Strategie‘ also?“, wiederholte Seraphina. Sie betrat den Raum. Der dicke Teppich verschluckte das Geräusch ihrer billigen Ballerinas. „Nennen wir das jetzt so?“
Ethan stand auf. Er trat hinter seinen massiven Mahagoni-Schreibtisch und schob das Möbelstück wie einen Schild zwischen sich und sie. Dort fühlte er sich sicherer. Mächtiger. „Sei nicht so dramatisch, Seraphina. Du bist hysterisch. Geh nach Hause. Wir reden später.“
Er machte eine abfällige Handbewegung. Als wäre sie ein Hund, den er vom Esstisch verscheuchen konnte.
Seraphina griff in ihre Tragetasche. Es war eine alte Segeltuchtasche, die sie schon besessen hatte, bevor sie eine Vance wurde. Ethan hasste sie. Er sagte, sie ließe sie arm aussehen.
Sie zog einen dicken Manila-Umschlag hervor. Sie hatte ihn tagelang mit sich herumgetragen, hatte gezweifelt, gezögert. Er enthielt den Entwurf eines Antrags, den sie in der Bibliothek ausgedruckt hatte.
Sie ließ ihn auf den Schreibtisch fallen. Er landete mit einem leisen Klatschen auf dem polierten Holz.
„Ich reiche die Scheidung ein“, sagte sie. Die Stille, die folgte, war schwer und drückte auf ihre Ohren.
Ethan blickte auf den Umschlag, dann zu ihr. Ein Lachen sprudelte aus seiner Kehle – dieses kurze, bellende Geräusch. „Du? Verlässt mich? Mit welchem Geld, Seraphina? Du hast nichts. Du bist nichts ohne mich.“
Susanna trat an den Schreibtisch, lehnte ihre Hüfte dagegen und positionierte sich neben ihm. Das Bild war eindeutig: die beiden gegen sie. „Oh, Süße“, säuselte Susanna, ihre Stimme widerlich süß. „Sei nicht voreilig. Wohin willst du denn gehen? Zurück in den Trailerpark?“
Seraphina ignorierte sie. Sie sah ihrem Mann direkt in die Augen. „Unüberbrückbare Differenzen. Ich will einen sauberen Schnitt.“
Ethan nahm den Umschlag. Er blätterte mit einem höhnischen Grinsen durch die einzelne Seite. „Du willst nichts? Keinen Unterhalt? Kein Haus?“
„Ich will nur raus“, erklärte Seraphina. Ihre Hände waren vor ihr gefaltet, um zu verbergen, dass ihre Finger zitterten. Nicht aus Angst. Aus Wut.
Ethan warf das Papier zurück. „Gut. Denn du würdest sowieso keinen Cent bekommen. Mein Ehevertrag ist wasserdicht. Wenn du durch diese Tür gehst, bist du wieder der Sozialfall, als der du zu mir gekommen bist.“
„Dessen bin ich mir bewusst“, sagte Seraphina leise. Sie drehte sich um. Der Anblick der beiden – Ethan arrogant und Susanna wie die Katze, die den Rahm geschleckt hat – bereitete ihr keine Freude mehr. Nur noch Erschöpfung.
„Warte“, sagte Ethan. Seine Stimme veränderte sich, wurde dunkler. „Niemand verlässt einen Vance. Nicht, bevor ich sage, dass wir fertig sind.“ Er stürmte um den Schreibtisch herum. „Du gehst nirgendwohin, bevor wir nicht besprochen haben, wie du das der Presse verkaufen wirst!“
Er griff nach ihr. Seine Hand schloss sich um ihr Handgelenk, sein Griff war schmerzhaft.
In diesem Bruchteil einer Sekunde dachte Seraphina nicht nach. Ein Instinkt loderte in ihr auf, doch sie unterdrückte den Drang, wie eine Soldatin zuzuschlagen. Sie war hier keine Soldatin; sie war eine Ehefrau.
Sie riss ihren Arm zurück, nutzte den Schweiß auf ihrer Haut zu ihrem Vorteil und wand sich von ihm ab. In einer ungelenken, verzweifelten Bewegung trat sie ihm hart auf den Spann.
„Lass los!“, schrie sie.
Ethan jaulte auf, überrascht von dem plötzlichen Schmerz, und sein Griff lockerte sich. Seraphina stolperte zurück, ihre Schulter prallte gegen den Türrahmen. Er starrte sie mit geweiteten, wütenden Augen an. Er hatte sie sich noch nie wehren sehen, nicht einmal so ungeschickt. Er erwartete Tränen, nicht Widerstand.
Seraphina stand im Flur und hielt ihr Handgelenk, wo seine Finger rote Abdrücke hinterlassen hatten. Ihr Herz hämmerte wie ein gefangener Vogel gegen ihre Rippen.
„Wir sehen uns vor Gericht, Ethan.“
Sie drehte sich um und ging zu den Aufzügen. Sie rannte nicht. Sie ging in einem gleichmäßigen Rhythmus und zwang sich zu atmen.
Klick. Klick. Klick.
Sie erreichte den Aufzug. Sie drückte den Knopf. Die Türen glitten auf. Sie trat ein.
Als die Türen sich schlossen und den Blick auf ihren Mann versperrten, der ihren Namen schrie, stieß Seraphina Reed endlich den Atem aus, den sie angehalten hatte. Ihre Beine gaben nach. Sie sank an der Metallwand des Aufzugs hinab, bis sie auf dem Boden saß. Sie zog die Knie an die Brust und vergrub ihr Gesicht in den Händen.
Sie weinte nicht. Sie konnte nicht. Der Teil von ihr, der noch weinen konnte, war schon vor langer Zeit gestorben. Aber ihre Hände zitterten so heftig, dass ihr Ehering – ein bescheidener Diamant, den Ethan im Ausverkauf erstanden hatte – gegen ihre Zähne klapperte.