Zum zehnten Mal drückte sie ihren Daumen gegen das kalte Metall des Sprechanlagenknopfes. Ihr Finger war taub, der Nagel nahm einen bläulich-violetten Farbton an.
„Alfredo", flehte sie, während ihre Stimme heftig zitterte. „Bitte. Du musst mir zuhören. Ich war es nicht."
Statisches Rauschen knisterte aus dem Lautsprecher. Dann durchdrang die steife, emotionslose Stimme von Mr. Beach, dem Gutsverwalter, das Geräusch des Regengusses.
„Miss Fowler. Mr. Hendrix wünscht Sie nicht zu sehen."
„Emery war meine beste Freundin!", schrie Dorothea die Metallbox an, ihre Kehle brannte. „Ich würde sie niemals verletzen! Bitte!"
Plötzlich ergoss sich ein gelbes Lichtquadrat auf die nasse Auffahrt.
Dorothea riss den Kopf hoch. Im zweiten Stock der massiven Steinvilla wurde ein schwerer Vorhang zurückgezogen. Eine große, breitschultrige Silhouette stand hinter dem Glas.
Alfredo.
Er hielt ein Kristallglas mit Whiskey in einer Hand. Selbst aus dieser Entfernung konnte Dorothea die absolute Kälte seines Blicks spüren. Er blickte nicht eine Frau an, die er seit Jahren kannte. Er blickte auf ein Stück Müll, das auf seinem Grundstück angespült worden war.
„Alfredo!", stürzte sie nach vorn, ihre Finger schlangen sich um die Eisenstäbe des Tores. Das kalte Metall schnitt in ihre Handflächen.
Er zuckte nicht zusammen. Er sprach nicht. Er hob einfach seine freie Hand und machte eine kurze, abweisende Geste zu jemandem im Zimmer, der nicht zu sehen war.
Die Sprechanlage summte erneut.
„Mr. Hendrix sagt", kehrte Mr. Beachs Stimme zurück, diesmal langsamer, „wenn Sie eine Gelegenheit wollen, sich zu erklären …"
Dorothea hielt den Atem an. Ihre Lungen schmerzten. Sie wartete auf den Rettungsanker.
„… werden Sie genau dort stehen bleiben. Die ganze Nacht. Wenn Sie bei Sonnenaufgang immer noch da sind, wird er in Erwägung ziehen, die Tür zu öffnen."
Die Worte trafen ihre Brust härter als der eiskalte Regen. Es war ein Eimer Eiswasser, der direkt über ihr Herz geschüttet wurde.
Er gab ihr keine Chance. Er stellte sie zur Schau. Er wollte, dass sie im Schlamm stand wie eine Verbrecherin am Pranger, ihrer Würde beraubt, um einen Funken seiner Gnade bettelnd.
Ihre Knie gaben nach. Sie schlug auf dem nassen Kies auf, die scharfen Steine rissen in die zarte Haut ihrer Schienbeine.
Sie blickte zum Fenster hinauf. Der Vorhang schob sich langsam zu. Das gelbe Licht verschwand. Alfredo war fort und schloss sie in der Dunkelheit aus.
Sie grub ihre Fingernägel in ihre Handflächen, bis die Haut aufriss. Der scharfe Schmerz erdete sie.
Wenn dies der einzige Weg war, ihre Unschuld zu beweisen, würde sie es tun. Für Emery. Und für die heimliche, erbärmliche Liebe, die sie seit ihrer Jugend für Alfredo hegte.
Dorothea zwang ihre Beine, sich durchzustrecken. Sie umklammerte die Eisenstäbe, streckte die Ellbogen durch und zwang sich, vollkommen aufrecht zu stehen.
Der Wind frischte auf und heulte vom Long Island Sound herüber. Er peitschte ihr nasses Haar wie kleine Hiebe ins Gesicht.
Ein schwarzes Sicherheitspatrouillenfahrzeug rollte am Tor vorbei. Die Scheinwerfer überfluteten ihren blassen, zitternden Körper. Der Wachmann im Inneren drehte nicht einmal den Kopf. Er hatte seine Befehle. Sie war vollkommen allein.
Die Stunden gingen ineinander über. Das ferne Läuten eines Glockenturms signalisierte Mitternacht, dann 1:00 Uhr, dann 2:00 Uhr.
Ihre Sicht begann an den Rändern zu verschwimmen. Ihr Gehirn spielte ihr Streiche und ließ warme Erinnerungen hinter ihren Augenlidern aufblitzen. Wie sie mit Emery in einem sonnendurchfluteten Café saß. Wie sie über einer Tasse Earl Grey Tee lachten.
Dann zerbrach das Bild. Es wurde durch die Nachrichtensendung ersetzt. Emerys lebloser Körper, der auf einer Trage aus diesem Club getragen wurde.
Ein Schluchzer entrang sich Dorotheas Kehle. Ihr Magen verkrampfte sich heftig, und sie krümmte sich, hustete, bis sie hinten im Mund Kupfer schmeckte. Ihre Lungen fühlten sich an, als wären sie mit Glasscherben gefüllt.
Sie blickte hinauf zur massiven, schwarzen Silhouette der Hendrix-Villa. Sie thronte da wie ein stilles Monster, das darauf wartete, sie zu verschlingen.
Sie schloss die Augen, während sich der Regen mit den heißen Tränen auf ihren Wangen vermischte.
Das wirst du bereuen, Alfredo, dachte sie, während ihr Körper im Wind schwankte. Das wirst du.